Faszination Belfast

Über viele Jahrzehnte galt Belfast als ein touristisches Niemandsland, als ein Zentrum des Schreckens und der Angst. Statt Besucher aus aller Herren Länder bestimmten gepanzerte Fahrzeuge, Straßensperren und uniformierte Sicherheitskräfte das Straßenbild.

Belfast CastleDie Spannungen zwischen der katholischen und protestantischen Bevölkerung gipfelten immer wieder in handfesten Auseinandersetzungen. Hinzu kam der Terror der irischen Untergrundbewegung IRA. Dies alles gehört mittlerweile der Vergangenheit an.

Seit dem Waffenstillstand im Jahre 1994, mehr noch seit dem Karfreitags-Abkommen von 1998 hat Belfasts Innenstadt vom wachsenden Zutrauen ihrer Bürger und vor allem ausländischer Investoren profitiert und ist zum Inbegriff kommunalen Wohlstands geworden. Heute präsentiert sich Belfast als eine der am meisten pulsierenden Metropolen Europas mit zahlreichen interessanten Sehenswürdigkeiten.

Das markanteste Gebäude im Herzen der Innenstadt ist ohne Zweifel die pittoreske City Hall am Donegall Square. Mit seiner 100 Meter langen neoklassizistischen Front und der 53 Meter hohen Kupferkuppel diente der Prachtbau einigen Rathäusern im British Empire als Vorbild – beispielsweise im südafrikanischen Durban. Die nach Plänen des Architekten Brumwell Thomas zwischen 1896 und 1909 errichtete City Hall mit ihren ionischen Säulen verfügt über eine großzügige barocke Inneneinrichtung.

Das markanteste Gebäude im Herzen der Innenstadt ist ohne Zweifel die pittoreske City Hall
Ebenfalls am Donegall Square ist die prachtvolle Linenhall Library angesiedelt. Die Bücherei aus dem Jahre 1788 verfügt über alle Publikationen, die je in Nordirland erschienen sind, darunter allein über 80.000 Medien über den Nordirland-Konflikt. Auch eine ausgezeichnete Sammlung der Werke des schottischen Nationaldichters Robert Burns nennt die Bibliothek ihr Eigen. Eine weitere Rarität ist Paddy´s Resource , eine Sammlung patriotischer irischer Lieder aus dem Jahre 1796.

Nordöstlich des Donegall Square, nur wenige Gehminuten entfernt, fällt von der High Street der Blick auf Belfasts Antwort auf den Schiefen Turm von Pisa: Der Albert Memorial Clock Tower, 1869 nach Plänen W. L. Barre im Gedenken an den Prinzgemahl von Queen Victoria (der allerdings nie nach Belfast kam) errichtet, ist mittlerweile in eine beträchtliche Schieflage geraten. Der sumpfige Untergrund sorgte dafür, dass sich der 35 Meter hohe Uhrenturm trotz einer Pfahlgründung um 1,25 Meter zur Seite neigte.

Über Jahrzehnte war der River Lagan vernachlässigt worden, war kaum mehr als eine matschige, verschmutzte, von den Gezeiten abhängige Fahrrinne. Aufgrund der Tatsache, dass der Tidenhub bis zu drei Meter beträgt, war der Lagan nicht nur ein Schandfleck, sondern sorgte – vor allem in den Sommermonaten – für einen permanenten Gestank. Und so wurde binnen drei Jahren rund 80 Meter flussabwärts der Queen Elizabeth Bridge mit dem Lagan Weir 1994 ein futuristisches Wehr errichtet. Mit Hilfe von fünf computergesteuerten Toren kann nun das Wasserniveau kontrolliert werden. Parallel dazu entstanden an beiden Seiten des Ufers neue, schicke Wohnkomplexe und Hotels sowie die 1997 eingeweihte Waterfront Hall, eine moderne Konzerthalle, deren Auditorium 2.000 Besuchern Platz bietet.

An der gegenüberliegenden Flussseite öffnete im Jahre 2000 das Odyseey seine Pforten. Das Veranstaltungszentrum nennt neben einer multifunktionellen Arena mit 10.000 Plätzen, der Heimat des Eishockeyteams „Belfast Giants“, Bars, Restaurants und einen Kinokomplex sein Eigen. Daneben ist in dem Freizeittempel das Whowhatwherewhenwhy, kurz W5, angesiedelt. Bei der Namensgebung für das Wissenschaftsmuseum standen die fünf meist gebrauchten Fragewörter Pate: Wer? Was? Wo? Wann? Warum? Das interaktive Zentrum erklärt physische Gesetze, wobei die Themen Energie und Bewegung besondere Schwerpunkte bilden.

Die Gegend rings um die St. Anne´s Cathedral war in der Vergangenheit wegen seiner Kneipen bei allen Seeleuten beliebt. Nach einigen Jahrzehnten der Vernachlässigung wurde es behutsam wiederbelebt und ist heute ein pulsierendes Künstler- und Medienviertel. Dennoch steht es deutlich im Schatten der Golden Mile. Das überaus lebhafte, von Bars, Restaurants und Nachtclubs gesäumte Vergnügungsviertel erstreckt sich vom Opera House in der Great Victoria Street südwärts über die Lisburn Road, Malone Road und Stranmillis.

Das wohl berühmteste Pub in Nordirland, wenn nicht sogar der gesamten Grünen Insel, ist zweifelsohne der Crown Liquor Saloon. Die im Besitz des National Trust befindliche Kneipe besticht durch reiche Holzschnitzereien und schwülstiges Dekor aus dem Jahre 1885. Im wahrsten Sinne des Wortes jeden Quadratzentimeter hat der erste Besitzer, Patrick Flanagan, dekorieren und mit Ornamenten verzieren lassen.

Die Queen´s University zählt rund 10.000 StudierendeDas Universitätsgelände schließt im Süden an die Golden Mile an. Die im Tudorstil zwischen 1845 und 1849 nach einem Entwurf von Charles Lanyon aus rotem Backstein errichtete Queen´s University zählt rund 10.000 Studierende. Mit Seamus Heaney und David Trimble brachte die renommierte Lehranstalt bis dato zwei Nobelpreisträger hervor.

Im Norden der Kapitale thront auf dem Cave Hill über dem Belfast Lough, der Bucht von Belfast, eine schlossartige Burg. Belfast Castle hatte mehrere Vorgänger, die erste Festung wurde hier im 12. Jahrhundert von den Normannen gebaut. Das Schloss, das optisch an das schottische Balmoral gemahnt, wurde von 1862 bis 1870 von W.H. Lann für den 3. Marquis von Donegal errichtet und beherbergt heute neben Restaurants und Gesellschaftsräumen ein kleines Museum.

Von den Höhen des Cave Hill, insbesondere vom Gipfel, der als Napoleon´s Nose bekannt ist, reicht bei klarer Sicht der Blick bis nach Schottland. Der Anblick der Bergspitze, die an einen auf dem Rücken liegenden Riesen erinnert, soll Jonathan Swift (1667-1745) als Inspiration für sein Meisterwerk Gullivers Reisen gedient haben.

Über viele Jahrzehnte war Belfasts Westen eine No Go Area . Kein Tourist traute sich in die Viertel entlang der Falls Road, mit ihren katholischen Anwohnern und der protestantischen Shankill Road, die als Zentrum der Gewalt in der nordirischen Kapitale galten. Die beiden Straßen verlaufen fast parallel, und zwischen ihnen zieht sich eine verstacheldrahtete fünf Meter hohe Trennmauer dahin, die Peace Line.

Auch wenn die Unruhen in Belfast längst der Vergangenheit angehören, werden noch immer nachts die Tore der Mauer geschlossen.

Jedes dieser Stadtviertel bekennt auf seine Art Flagge. Entlang der protestantischen Bereiche flattert auf Häusern und auf Seilen über der Straße der britische Union Jack. Bürgersteige und Laternenmasten sind in dessen Farben gehalten. Die katholischen Viertel sind dagegen mit der grün-weiß-orange-farbenen Fahne der Republik Irland geschmückt.

Zudem zeugen riesige Wandmalereien, sogenannte Murals, von den über viele Jahrzehnte anhaltenden Spannungen und Kämpfen zwischen den beiden Gruppierungen hier in Belfast. Ungeachtet der politischen Aussagen, die hinter jedem einzelnen Bild stehen, haben sich diese längst zu einem Magneten für die Besucher entwickelt, die beim Anblick der Kunstwerke eine Mischung aus Faszination und Sprachlosigkeit verspüren.

Karsten-Thilo Raab/Wortwexxel

2 Antworten auf Faszination Belfast

  • Jonas sagt:

    Finde es schade das es in so einer schönen Stadt so hässliche Gesetze gibt,
    die harmlose, hilflose Hunde tötet. Petitionen und Bitten weltweit wurden ignoriert. Wir haben unseren Urlaub gecancelt. Haben selber Hund, nachher wird der auch noch massakriert.

  • lollipop sagt:

    Sehr informativ ist diese Webseite schon aber für mein Referat ist sie ungeeignet…

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Zitat

"An Belfast faszinieren mich die vielen traditionellen Bars, wie z.B. das Kellys Cellars in der Bank Street ..."

- Werner Zelter

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